Grundlagen

Prävention Essstörungen in der Schweiz aus Sicht PEP (Fachstelle Verein PEP Prävention Essstörungen praxisnah)

Die Präventionsbestrebungen im Rahmen der Primärprävention von Essstörungen basieren in der Schweiz primär auf Einzelinitiativen von Personen aus den Bereichen Sucht, Prävention und Medizin und Organisationen wie AES, ENES, PEP, die über sehr knappe Ressourcen verfügen.
Es fehlt an einer übergeordneten Instanz analog Tabak, Alkohol oder Aids, die schweizweit die möglichen Präventionsmassnahmen finanziert und koordiniert und damit die Präventionsbestrebungen stützt.

Gründe dafür sind die fehlende gemeinsame schweizweite Strategie in der Prävention von Essstörungen.
Dies dürfte einerseits an der fehlenden (gesundheits-)politischen Unterstützung für ein Thema, das immer noch mit vielen Tabus und Scham besetzt ist, liegen und andererseits am Fehlen von finanziellen Ressourcen und institutioneller Verankerungen, um gezielt Massnahmen erarbeiten und umsetzen zu können. Störungen des Essverhaltens bei Übergewicht und Adipositas, sei dies bei Jugendlichen oder Erwachsenen waren bis vor kurzer Zeit gar nicht im Fokus der Präventionsbemühungen.
Essstörungen sind schwerwiegende psychiatrische Erkrankungen mit bedeutenden psychosozialen und körperlichen Folgeerscheinungen, die Prognose ist auch heute noch in vielen Fällen ungünstig, v. a. bei mehrjährigem Verlauf sterben bis zu 10% der Betroffenen. Essstörungen können in einem modernen Suchtkonzept bei den Verhaltenssüchten eingereiht werden, wie auch beispielsweise die Internetsucht oder die Sportsucht, doch steckt die Umsetzung von umfassender Prävention oder Therapie von Verhaltenssüchten in der Schweiz noch weitgehend in den Kinderschuhen. Zudem sind Essstörungen in aller Regel „stille Süchte“, die Betroffenen fallen nicht auf, eine Magersucht wird erst im fortgeschrittenen Stadium bemerkt, eine Bulimie oft lebenslang gar nicht, das Leiden spielt sich im Verborgenen ab, ganz anders als dies bei illegalen Drogen der Fall ist. In den bisherigen Gesundheitsbefragungen tauchten diese Krankheitsbilder daher bisher nur am Rande auf, die tatsächliche Tragweite des Problems wurde unterschätzt und tritt nun erst nach und nach zutage. Daher konnten die Präventionsanstrengungen auch nicht danach ausgerichtet werden.
Bei Angaben zu Prävalenz und Indizenz von Essstörungen müssen Angaben aus verschiedenen Ländern jedoch immer auch daraufhin überprüft werden, wie die Zahlen überhaupt erhoben wurden, hier gibt es bedeutsame Unterschiede bezüglich der verwendeten Erhebungs- und Klassifikationsinstrumente, der untersuchten Bevölkerungsgruppen (Geschlecht, Alter), der Befragungstechnik (Telefonisch, Befragungen an Ausbildungsstätten, auf der Strasse etc.)

Zur Zeit fliessen nahezu alle Gelder in die Kampagnen für ein gesundes Körpergewicht, die sich aber mehrheitlich der reinen Prävention im Bereich Übergewicht widmen.
Wegweisende Projekte, z.B. Bodytalk PEP und Papperla PEP, konnten in diesem Zusammenhang erst in den letzten drei Jahren entwickelt werden und im Rahmen der kantonalen Aktionsprogramme auch psychische Aspekte in die Bereiche Ernährung und Bewegung ansatzweise integrieren. Welche Effekte diese ganzheitliche Präventionsarbeit hat, wird sich erst zeigen.
Es fehlt aus unserer Sicht im Zusammenhang mit den Kampagnen zu gesundem Körpergewicht auch auf der Ebene Öffentlichkeitsarbeit eine national breit abgestützte Essstörungsprävention, die massgeblich und nachhaltig, auch die Themen Bulimie und Magersucht mit einbezieht.

Unzufriedenheit mit sich, seinem Körper, Aussehen und Gewicht korreliert häufig mit der Entstehung von Essverhaltensproblemen oder –störungen. Ein zu starker Fokus auf gesunder Ernährung und Bewegung kann durchaus auch kontraproduktiv wirken, zu rigidem Essverhalten und damit wiederum zu Störungen führen: z.B Diätverhalten mit anschliessendem Heisshunger, masslosem Essen und Erbrechen (bulimisches Verhalten).
Ausserdem entwickelt sich ständiges Diätverhalten, aber auch selbstschädigendes Trainieren zu einem, in einer breiten Bevölkerungsgruppe als normal angesehener Lifestyle. Essverhaltensprobleme werden oft erst in einem bereits fortgeschrittenem, krankhaften Stadium wahrgenommen.

Seit Jahren wird in Deutschland durch die bzga (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) eine breit abgestützte Essstörungsprävention (als Beispiel: tut mir gut) gestützt und umgesetzt.
Ein umfassendes Angebot an Informationen und Arbeitsmaterial können durch Fachpersonen für unterschiedliche Zielgruppen bezogen werden.
Auch die Kolleginnen aus Oesterreich in Wien (Wiener Programm für Frauengesundheit, FEM und weitere) machen uns vor, wie gezielt Prävention von Essstörungen angegangen werden kann. Die Kampagnen werden politisch engagiert unterstützt durch bekannte und bekennende GesundheitsPolitikerinnen.
Von einer solchen umfassenden und auch politisch und finanziell ausreichend unterstützten Präventionsstrategie sind wir in der Schweiz leider noch weit entfernt.


Wie entsteht eine Essstörung?

Die Entstehungsgeschichte einer Essstörung ist immer multifaktoriell. Genetische Faktoren sind vor allem bei der familiär auftretenden Anorexie sowie beim schweren Übergewicht von Bedeutung. Psychologische Merkmale sind beispielsweise ein geringes Selbstwertgefühl, perfektionistische Denkmuster, ausgeprägte Konfliktängste sowie ein starkes Harmoniebedürfnis. Widersprüchliche soziale Anforderungen sind gerade bei Frauen häufig Mitauslöser für Essstörungen. Einerseits sollen Frauen, ungeachtet ihrer altersentsprechenden körperlichen Veränderungen in Pubertät, Schwangerschaft und Klimakterium, aussehen wie Models aus Modezeitschriften und auf Plakaten, auf der anderen Seite sollen sie die Rolle als anschmiegsame Partnerin und fürsorgliche Mutter erfüllen. Dazu kommt das konsumfördernde Überangebot an Lebensmitteln (1, 2). Doch auch Knaben und Männer sind zunehmend solchen widersprüchlichen Strömungen ausgesetzt, auch dort hat sich der Druck im Hinblick auf einen schlanken, eher unreif anmutenden oder dann im Gegenteil muskelbepackten und gestählten Körper vergrössert. In den letzten Jahren hat auch der Einfluss spezifischer Sportarten an Bedeutung gewonnen. Während das erhöhte Risiko im Kunstturnen, Eiskunstlaufen und Langstreckenlauf schon länger bekannt ist, treten nun auch vermehrt Essstörungen in Sportarten mit Gewichtsklassen, wie den Kampfsportarten sowie im Rudern oder im Skispringen auf. In der Lebensgeschichte der Betroffenen beider Geschlechter finden sich nicht selten Gewalt und Missbrauchserlebnisse, auch innerhalb der Familie. Die familiären Konstellationen sind oft geprägt von einem Mangel an Autonomie und leistungsunabhängiger Wertschätzung. Konflikte werden eher unter den Teppich gekehrt, Hilfe von aussen wird nur schwer akzeptiert. Es geht hierbei aber nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, in der Therapie dann das ganze soziale Gefüge mit einzubeziehen und auf diese Weise verhärtete Strukturen anzugehen.


Wie verhüten – Prävention?
In einem bereits erschienenen Artikel zu Möglichkeiten der Sensibilisierung wurde die Dringlichkeit von Präventionsmassnahmen bei Essstörungen betont und Prinzipien der primären und sekundären Prävention hingewiesen. Im Rahmen der tertiären Prävention – in der Suchtprävention spricht man auch von „Schadensbegrenzung“ geht es darum, die Erkrankungsdauer bei bereits Betroffenen zu verkürzen, dadurch die Häufigkeit und Ausprägung von körperlichen, psychischen und sozialen Sekundärfolgen zu vermindern und irreversible Spätschäden möglichst ganz zu verhindern. In den letzten Jahren ist auch klar geworden, dass auch ein grosser Teil der Menschen mit Übergewicht unter Essstörungen wie Binge Eating oder Sweet Eating zu leiden haben. Übergewichtige Kinder und Jugendliche, die mit realitätsfremden Schönheitsidealen und unsinnigen Diäten konfrontiert werden, haben ein besonders hohes Risiko an einer solchen Essstörung zu erkranken und in einem zweiten Schritt sogar eine Bulimie oder Anorexie zu entwickeln (8).